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Rinder haben einen schlechten Ruf als Klimasünder, weil sie das besonders schädliche Treibhausgas Methan ausstoßen. Zum Glück lässt sich das durch den Futtermittelzusatz des Hamburger Startups Fermeta deutlich reduzieren, und das bei gleichzeitiger Steigerung der Milchproduktion.

Rinder fressen Heu an Fressgittern im Stall
Kühe bei der Fütterung © Pixabay

Optimale Futterverwertung mit schweren Nebenwirkungen

Eine nur aus Gras bestehende Diät würde einem Menschen schlecht bekommen, weil sein einfacher Magen dieses pflanzliche Lebensmittel nur bedingt verdauen kann. Wiederkäuer dagegen verfügen über einen aus vier Abschnitten bestehenden Magen, der für eine bestmögliche Verwertung von Gras ausgerichtet ist. Dafür sorgen unter anderem Mikroorganismen im Pansen, die unter anderem per Fermentation aus der sonst schwer zu spaltenden Zellulose wertvolle Nährstoffe gewinnen können. Der Nachteil: Ein weiteres Produkt des Fermentationsprozesses ist Methan, das laut Bundesumweltamt 28-mal klimaschädlicher als CO2 ist.

Mit einem Anteil von 76 Prozent ist die Landwirtschaft die größte Emissionsquelle für Methan in Deutschland. Hauptverursacher ist dabei der am weitesten verbreitete Wiederkäuer: das Rind. Die scherzhaft klingende Aussage, rülpsende Kühe seien schuld am Klimawandel, hat also einen wahren Kern. Nun kann man den Tieren schlecht das Aufstoßen abgewöhnen - aber vielleicht die Mikroorganismen dazu bringen, weniger Methan zu verursachen? Eine positive Antwort auf diese Frage gibt das Startup Fermeta. Dessen Gründer Niklas Koch hat sich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn weder mit Bio- noch mit Agrartechnologie beschäftigt, wenngleich er aus einer landwirtschaftlich geprägten Region Schleswig-Holsteins stammt.

© Mathias Jäger/Hamburg Startups: Niklas Koch, CEO von Fermeta
Niklas Koch, Gründer und CEO von Fermeta © Mathias Jäger/Hamburg Startups

Startup statt Sales: Niklas' Gründerjourney

Das nördlichste Bundesland ist auch bekannt für international erfolgreiche Handballmannschaften. Niklas selbst hat es in dieser Sportart immerhin einmal in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gebracht. Studiert hat er dann zunächst BWL mit Schwerpunkt Logistik in Baden-Württemberg und dann Entrepreneurship in Schweden, wo er seinen Masterabschluss gemacht hat. In dem skandinavischen Land arbeitete er eine Weile im Vertrieb eines Softwareunternehmens, durchaus erfolgreich. Doch schnell merkte er, dass in ihm ein Gründergeist schlummert, der über das kurze Hochgefühl eines abgeschlossenen Deals hinausgeht. Er strebte nach Sinnhaftigkeit im Geschäftsleben.

Auf der Suche nach Jobangeboten, die mehr seinem Interesse am Unternehmertum entsprachen, stieß er 2021 auf einen LinkedIn-Post von Infinite Roots, das damals noch Mushlabs hieß. „Founder‘s Associate“ nannte sich die zu vergebene Position, auf die er sich erfolgreich bewarb und die ihn zurück nach Deutschland, genauer gesagt, nach Hamburg brachte. Das Team des Startups, das innovative Lebensmittel aus Myzel, dem Wurzelgeflecht der Pilze, entwickelt, bestand damals nur aus rund zehn Personen. Niklas war also zu einer frühen Phase eingestiegen und arbeitete eng mit dem Gründer Dr. Mazen Rizk zusammen.

Seine Zeit bei Infinite Roots betrachtet Niklas im Nachhinein wie ein „Startup-PhD“, bei dem er eine Menge über den Aufbau eines Unternehmens gelernt hat und viele unterschiedliche und verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen konnte. Auch in die Welt der Biotechnologie arbeitete er sich ein. 2024 – Infinite Roots hatte inzwischen eine Finanzierungsrunde in Höhe von 58 Millionen US-Dollar abgeschlossen und beschäftigte um die 80 Mitarbeitende – war für ihn das „PhD-Programm“ abgeschlossen und er war bereit, ein eigenes Startup zu gründen.

3D-Molekülmodell von Methan mit einem schwarzen Kohlenstoffatom und vier weißen Wasserstoffatomen
Grafische Darstellung eines Methanmoleküls, CH₄ © ChatGPT

Mit Fermeta stoßen Kühe weniger Methan aus

Die zündende Idee fehlte allerdings noch, also nahm er an einem Programm des Venture Builders Carbon13 in Berlin teil, der sich auf die Entwicklung von Technologien und Geschäftsmodellen aus den Bereich Klimaschutz fokussiert. Dort traf er einen Tierarzt, der die Ursprungsidee dafür mitbrachte, wie man den Methanausstoß bei Rindern reduziert. Gemeinsam mit einem weiteren Teammitglied entwickelten sie daraus das Geschäftsmodell für Fermeta. Der Tierarzt entschied sich letztlich gegen den Gründerweg und blieb der Forschung treu, sodass Niklas die Idee zunächst als Solopreneur weitertrieb. Seit einiger Zeit hat er zudem einen kongenialen Partner an seiner Seite, einen ehemaligen Kollegen von Infinite Roots, der Fermeta mit seiner Fermentationsexpertise voranbringt.

Eine finanzielle Grundlage garantierte 2025 die Förderung durch das InnoRampUp-Programm der IFB Innovationsstarter GmbH, auch Carbon13 sorgte für eine Starthilfe. Das gab Fermeta mehr Zeit, ihr Produkt zu entwickeln, das anfangs scherzhaft als „Energydrink für Kühe“ bezeichnet wurde, inzwischen aber auch als trockener Futtermittelzusatz konzipiert ist. Der enthält Postbiotika, die gesundheitsfördernden Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen. Sie sorgen dafür, dass der Fermentationsprozess im Pansen effektiver verläuft, also weniger Methan verursacht und mehr Energie erzeugt, was die Milchproduktion steigert.

Niklas Koch beim Wacken-Pitch © WOA

Steigerung der Milchproduktion ist entscheidender Faktor

Vor allem der zweite Punkt ist für die Vermarktung von entscheidender Bedeutung, denn die reine Methanreduktion reicht als Verkaufsargument nicht aus. Gerade bei den Milchpreisen stehen landwirtschaftliche Betriebe enorm unter Druck, phasenweise können sie kaum kostendeckend arbeiten. Mit Bovaer gibt es bereits seit 2022 einen Futtermittelzusatz, der einen ähnlichen Effekt wie Fermeta bei der Verringerung der Treibhausgasemissionen verspricht. Der Einsatz ist allerdings kostenintensiv und hat keinen positiven Einfluss auf die Milcherzeugung oder Fleischqualität, weshalb sich Bovaer bisher nicht entscheidend durchgesetzt hat.

Der Markt ist also offen für Fermeta. Ein Patent ist in Anmeldung und ein Feldversuch in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein zeitnah geplant. Bisher konnte die Wirksamkeit der Postbiotika in einer Simulation mit Pansensaft in einem Fermenter nachgewiesen werden. Dort werden sehr ähnliche Bedingungen wie in einem Rindermagen erzeugt, sodass von einem erfolgreichen Praxistest ausgegangen werden kann. Ist der absolviert, sollte auch die Zulassung keine große Hürde darstellen, sodass ein Markteintritt im kommenden Jahr realistisch erscheint.

In der Zwischenzeit kann sich Fermeta noch bei der einen oder anderen Pitch-Veranstaltung präsentieren wie Ende Juli 2026 beim Wacken Startup Battle im Rahmen des legendären Rockfestivals. Dort sicherte sich Niklas den ersten Platz, und ein paar Wochen später bei der Zebra Investment Night eine Finanzierungszusage in Höhe von 25.000 Euro. Das sind Indizien dafür, dass die Idee von Fermeta verstanden und angenommen wird.

Niklas Koch erklärt das Konzept von Fermeta © Markus Hertrich

Fermeta bricht eine Lanze für Landwirt:innen

Natürlich wird Niklas auch manchmal mit der Frage konfrontiert, ob nicht der Verzicht auf Rinderhaltung die sehr viel klimafreundlichere Alternative sei und er mit seinem Produkt einen nicht mehr zeitgemäßen Wirtschaftszweig unterstützen würde. Die Antwort darauf lautet, dass ein kompletter Wandel im Konsumverhalten in absehbarer Zeit kein realistisches Szenario sei und Alternativangebote wie die von Infinite Roots Fleisch und Milchprodukte nicht vollständig ersetzen könnten. Daher sei eine Veränderung der Produktionsbedingungen in Richtung mehr Klimaschutz kurzfristig der erfolgversprechendste Weg.

„Landwirt:in zu sein ist einer der sinnstiftendsten Berufe, die es gibt. Man sät, man erntet, man arbeitet mit Tieren, man ist an der frischen Luft. Und dennoch ist es unternehmerisch eines der riskantesten Felder überhaupt, mit Ernteausfällen, schwankenden Preisen und einem Wetter, auf das man keinen Einfluss hat", meint Niklas. Landwirtschaftlichen Betrieben wird oft vorgehalten, sie zählten zu den größten Treibern des Klimawandels. Dabei gehören sie zu den Ersten, die seine Folgen zu spüren bekommen, und das besonders deutlich: in Form von Ernteausfällen und steigenden Kosten für Diesel, Dünger und mehr. Niemand, so Niklas, habe also ein größeres Interesse daran, gegenzusteuern. Genau dafür gibt Fermeta ihnen ein biotechnologisches Werkzeug in die Hand: Es ist einfach anzuwenden und verspricht sogar Gewinne, für den Betrieb wie für das Image. Denn das ist ein weiteres Ziel des Startups: zu zeigen, dass Landwirt:innen beim Umweltschutz weit besser sind als ihr Ruf.   


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Autor

Startup City Hamburg

Startup City Hamburg ist die zentrale Anlaufstelle für Hamburgs Startup-Ökosystem: Wir berichten über News und Events, Gründer:innen und Erfolgsgeschichten der Szene, ordnen aktuelle Entwicklungen ein und behalten Fördermöglichkeiten im Blick. Mit persönlicher Beratung durch unsere Startup-Guides und einem Netzwerk aus Gründer:innen, Investor:innen und Institutionen geben wir Gründungsinteressierten und Foundern einen Überblick über die Szene.

Startup City Hamburg ist Teil der IFB Innovationsstarter GmbH und wird von der Freien und Hansestadt Hamburg über die Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation (BWAI) gefördert.


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