SupplyET macht mit KI Produktionsnetzwerke zukunftssicher
Produktionsnetzwerke zu planen und marktgerecht auszurichten, ist hochkomplex, erst recht für große Unternehmen mit vielen Standorten. Hinzu kommen Marktschwankungen, Handelsbarrieren und Krisen, die schnelles Handeln und ein Überdenken globaler Strategien erfordern. Das Startup SupplyET ermöglicht mithilfe künstlicher Intelligenz eine bessere und belastbarere Planung und hat bereits ein weltweit agierendes Unternehmen als Kunden gewonnen.
Es begann in einem Weltkonzern mit Tradition und komplexen Herausforderungen
Bosch Rexroth ist ein Maschinenbauunternehmen mit langer Tradition, hervorgegangen im Jahr 1795 aus einem wasserbetriebenen Hammerwerk. In den 1950er Jahren legte der Einstieg in den Hydraulikmarkt den Grundstein für die heutige Positionierung als Anbieter multitechnologischer Lösungen. 2024 erzielte das Unternehmen weltweit einen Umsatz von 6,5 Milliarden Euro mit rund 32.600 Mitarbeitenden, davon knapp 13.600 in Deutschland. Insgesamt verfügt Bosch Rexroth über mehr als 40 Produktionsstandorte und ist in über 80 Ländern präsent.
Die weltweite Präsenz und die Vielzahl unterschiedlicher Erzeugnisse – von Mobilhydraulikpumpen bis zu Lineartechnik und elektrischen Steuerungen – machen die globale Ausrichtung der Produktion äußerst anspruchsvoll. Als Christian Hochmuth nach seinem Informatikstudium 2008 als Doktorand zu Bosch Rexroth kam, erkannte er das Problem und nahm sich vor, eine Software zur schnelleren und transparenteren Planung weltweiter Herstellungsprozesse zu entwickeln. Zu berücksichtigen waren externe Faktoren wie Nachfrageschwankungen und Lieferengpässe ebenso wie die Auslastung der Maschinen und geplante Investitionen. Gleichzeitig musste die Software schnell in den Werken nutzbar sein, innerhalb von Wochen, nicht Jahren. 2014 ging ein funktionierender Prototyp in Betrieb und Christians Mission bei Bosch Rexroth war vorerst erfüllt.
In den folgenden Jahren arbeitete Christian als Unternehmensberater für zahlreiche internationale Industriekonzerne, die alle vor den gleichen Herausforderungen standen. Die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen wurden zunächst durch die Covid-Pandemie, dann durch den Ukrainekrieg und zuletzt durch die wechselhafte US-Zollpolitik immer komplexer, mit direkten Auswirkungen auf globale Produktionsstrategien, insbesondere für die exportorientierte deutsche Industrie. Schon Anfang 2022 gründete Christian deshalb das Startup SupplyET, das sein Softwarekonzept aus der Zeit bei Bosch Rexroth auf eine neue Ebene bringen sollte. Ziel war nun kein Prototyp mehr, sondern eine industriell einsetzbare und auf global tätige Unternehmen skalierbare Software.
Anfang 2024 schloss SupplyET eine von der IFB Innovationsstarter GmbH angeführte Finanzierungsrunde ab, an der auch mehrere Business Angels beteiligt waren, darunter KI-Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter. Aufgrund des Innovationsgrads erhielt das Startup zudem eine Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Insgesamt stand dem Team ein sechsstelliger Betrag zur Verfügung. Der frühere Einsatz bei Bosch Rexroth erwies sich dabei als entscheidender Anknüpfungspunkt. Der Weltkonzern wurde zum Pilotpartner, um die nächste Softwaregeneration unter realen Bedingungen im Produktionsnetzwerk zu entwickeln und einzuführen. Gleichzeitig stieg damit der Anspruch: Die neue Software musste sich deutlich vom Prototyp unterscheiden und nachweisbare finanzielle Einsparungen erzielen.
Eine wesentliche Neuerung ist der konsequente Einsatz künstlicher Intelligenz. Die von SupplyET eigens entwickelte KI berechnet Szenarien, optimiert Kapazitäten, generiert Vorschläge und Folgeaktionen und macht Entscheidungen nachvollziehbar. Dabei liefert sie Schlussfolgerungen über Tausende von möglichen Abläufen in Sekunden. Ende 2025 war die Software fertig, seit Anfang 2026 läuft der weltweite Rollout bei Bosch Rexroth.
Visuelle Darstellung erleichtert Prozessplanung
Ein wichtiges Einsatzgebiet der Software ist die strategische Planung von Produktionskapazitäten. SupplyET löst dabei ein zentrales Problem: den Überblick über künftige Engpässe zu behalten, sobald sich Nachfrage oder interne Prozesse verändern. Nur dann können Unternehmen schnell genug reagieren und lieferfähig bleiben. Die Software ermöglicht das mit einer visuellen, intuitiv bedienbaren Darstellung von Produktionsprozessen. Damit lassen sich nicht nur bestehende Prozesse schnell abbilden, sondern auch zukünftige durchspielen und planen. Auf dieser Basis identifiziert die KI die besten Wege, vorhandene Kapazitäten zu nutzen und gezielt in neue zu investieren.
Von Beginn an bestand der Auftrag darin, eine Software zu entwickeln, die messbaren Nutzen schafft, indem sie die wirtschaftliche Position von Herstellern verbessert. Die Lösung steht nun auch anderen Unternehmen zur Verfügung, bei denen sie sich in kurzer Zeit einführen und nutzen lässt. Das Team von SupplyET hat von Anfang an sichergestellt, dass die Lösung in allen industriellen Branchen einsetzbar ist.
Was den Erfolg ermöglichte: Team, Förderer und Timing
Die Prozesse möglichst schlank zu halten, ist bei SupplyET seit jeher die Devise. Das gilt auch für das Kernteam, das neben Christian nur aus drei weiteren Personen besteht. Er selbst bringt 20 Jahre Erfahrung aus Forschung, Industrie und Beratung ein. Alexandra Hochmuth als Marketing-Expertin hat sich vorgenommen, dem Startup, das sich bisher vor allem auf die Produktentwicklung konzentriert hat, zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen, den Marktzugang zu planen und Kundenprojekte zu begleiten. Dr. Matthias Brönner, Firmengründer, Geschäftsführer, Berater und Investor mit langjähriger Erfahrung, fungiert als Co-Founder und Business Angel. Als technischer Berater mit starkem Hintergrund in KI und der Entwicklung datengetriebener Unternehmensanwendungen ist Lauritz Rempel mit an Bord.
Darüber hinaus waren es von Beginn an auch einzelne Personen außerhalb des Teams, die das Potenzial erkannten, auch wenn industrielle Anwendungen lange nicht im Fokus von Investoren und Öffentlichkeit standen. Christian nennt Bastian Springer, Innovationsexperte in Hamburg und inzwischen bei Haspa Next tätig, der das Team im Prozess zur Finanzierung durch die IFB begleitet und unterstützt hat. Wichtige Sparringspartner bei Bosch Rexroth waren Dr. Michael Sauter, Leiter des Bereichs Manufacturing Coordination & Excellence, und Alessandro Battino, Projektleiter im Bereich Industrial Engineering.
Ausschlaggebend für den Erfolg war auch das Timing: Bosch Rexroth verfolgt inzwischen eine konsequente KI-Strategie und setzt dabei verstärkt auf Agenten. Zusammen mit der Erfahrung aus der Nutzung des Prototyps wurde das zum Türöffner, um den Weltkonzern zu gewinnen. Bei weiteren Kunden sind die Verhandlungen weit fortgeschritten, und auch internationale Kontakte bestehen bereits.
Eine Zeit lang stand bei SuppyET die Frage im Raum, ob das Wachstum in Deutschland schnell genug gelingen würde. Bevor sich das Pilotprojekt bei Bosch Rexroth anbahnte, hatte das Team bereits mit zahlreichen Unternehmen gesprochen. Zu oft wurden Gründe genannt, warum Prozesse nicht verändert und keine neuen Lösungen eingeführt werden sollten. Christian wünscht sich daher mehr Bereitschaft bei Unternehmen, Risiken einzugehen und auch noch nicht vollständig entwickelte Lösungen zu nutzen. Das gilt insbesondere dann, wenn ein Problem für Unternehmen wie auch gesamtwirtschaftlich so relevant ist wie die Neuausrichtung und Flexibilisierung der globalen Produktion. „Schnelle, belastbare Entscheidungen helfen, im Markt Schritt zu halten, nicht die mehrjährige Bereinigung von Daten“, erklärt der Gründer. Nun sei der Knoten gelöst und der Erfolg mit Bosch Rexroth werde SupplyET dazu befähigen, von Deutschland aus den Weltmarkt zu erobern.
Genauer gesagt, von Hamburg aus. Denn obwohl die meisten potenziellen Kunden aus der Industrie in der Mitte und im Süden Deutschlands beheimatet sind, hält das Startup, das seinen Sitz im Digital Hub Logistics & Commerce in der Speicherstadt hat, an seinem Standort im Norden fest.