So haben die Wirtschaftssenioren dem Startup Meerkorn geholfen
Die Gründung eines Startups ist oft eine Herzensangelegenheit. An Leidenschaft mangelt es dann also nicht, oft aber an unternehmerischem Know-how. Zum Glück gibt es in Hamburg eine Reihe von Institutionen, die entsprechende Beratung anbieten. Eine Sonderstellung nehmen dabei die Wirtschaftssenioren ein, deren Mitglieder allesamt gestandene Unternehmerpersönlichkeiten sind. Von deren Erfahrung hat das Startup Meerkorn in entscheidenden Situationen profitiert.
Von der Luftfahrt zu Meerkorn
Wer einen Job bei der Lufthansa Technik hat, ist in der Regel viel unterwegs, aber auch dank ihrer Leidenschaft für das Kitesurfen haben Jennifer Wolf und André Postler schon so einige Flugreisen absolviert. In China ist ihnen einmal das Duschgel im Koffer ausgelaufen und im Handgepäck sind Flüssigkeiten bekanntlich nur in kleinen Mengen erlaubt. Da spricht also einiges für die klassische Seife als Alternative, aber die wird schnell matschig und unhygienisch. In manchen Hotels gibt es fest installierte Seifenmühlen, mit denen sich Blockseife einfach und genau dosieren lässt. Ein solches Gerät für unterwegs, das könnte die Lösung sein.
So dachten jedenfalls Jennifer und André, als sie 2021 Meerkorn gründeten. Mit ihrem Background aus den Ingenieurswissenschaften hatten sie klare Vorstellungen bezüglich der Funktionalität ihrer Seifenmühle. Ein weiterer Aspekt war bei der Produktentwicklung allerdings mindestens ebenso wichtig, nämlich die Nachhaltigkeit. Seife gilt von vornherein als umweltfreundlicher als Duschgel, weil die Plastikverpackung wegfällt. Für die Mühle ist Kunststoff zwar ebenfalls das ideale Material, doch auch hier fand Meerkorn eine Lösung: Es recycelt alte Fischernetze.
Die Businessidee: Vom Geisternetz zur Seifenmühle
Die haben als sogenannte Geisternetze einen erheblichen Anteil an der Verschmutzung der Meere und werden zur Todesfalle für Millionen von Tieren. Es dauert Jahrhunderte bis zu ihrer Zersetzung, und selbst dann stellen sie als Mikroplastik noch eine erhebliche Umweltbelastung dar. Einen einzigen Vorteil haben sie immerhin: Entsprechend aufbereitet, lassen sich aus ihnen allerlei schöne und praktische Gegenstände fertigen. Das Hamburger Startup Bracenet macht zum Beispiel Armbänder und Schlüsselanhänger daraus.
Meerkorn verarbeitet für seine Seifenmühle namens Mylly Netze aus der Nord- und Ostsee und lässt in der Nähe von Münster produzieren. Das Kriterium Regionalität ist also auch erfüllt. Zum Angebot gehört außerdem die im wahrsten Sinne des Wortes passende Seife, die selbstverständlich auf Zutaten wie Mikroplastik und Palmöl verzichtet und universell einsetzbar ist. Produktseitig war also an alles gedacht bei Mylly. Was das Gründungspaar nicht hatte, war unternehmerische Erfahrung. Ein Beratungsgespräch bei der Handelskammer Hamburg brachte es da auf die richtige Spur.
Die Wirtschaftssenioren haben ein breites Angebot
Kaum eine Institution in Hamburg versammelt so viel unternehmerische Erfahrung wie der Verein WIRTSCHAFTS-SENIOREN-BERATEN e.V.. Er wurde im Jahr 1983 unter dem Namen „Senioren beraten junge Unternehmer“ ins Leben gerufen, um junge Menschen bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens zu unterstützen. Aufgrund der Vielzahl von Anfragen aus allen Bevölkerungsschichten erfolgte im Jahr 2005 die Umbenennung, welche die breite Palette der Beratungsangebote widerspiegelt. Rat suchen können demnach Startups ebenso wie kleine und mittlere Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis zu 50 Millionen. Und auch wer einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit durch Gründung sucht, kann sich an die Wirtschaftssenioren wenden.
Wesentliche Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft sind wirtschaftliche Unabhängigkeit und eine leitende Position im früheren Berufsleben, idealerweise als Geschäfts:führerin oder Gründer:in. Wer diese Kriterien erfüllt, kann sich beim Vorstand um eine Mitgliedschaft bewerben. In einem Vorstellungsgespräch wird die Eignung geprüft, wobei nicht wenige Kandidaten durch persönliche Empfehlung auf die Wirtschaftssenioren gestoßen sind, was die Aufnahme wahrscheinlicher macht. Endgültig Mitglied ist man nach einer durch eine:n Mentor:in begleiteten sechsmonatigen Probezeit. Danach darf man Rechnungen für die Beratung ausstellen.
Startup-Matching: Zwei ideale Berater für Meerkorn
Wer eine Beratung wünscht, kann telefonisch oder per E-Mail den ersten Kontakt aufnehmen. Anschließend wird geprüft, welches der zurzeit 30 Mitglieder der geeignetste Gesprächspartner sein könnte. Was die Branchenkompetenz angeht, ist der Verein vielfältig aufgestellt. An anderer Stelle hapert es noch etwas: Momentan gehören ihm nur vier Frauen an, was sich aber bald ändern sollte, wenn mehr Frauen aus Führungspositionen in Rente gehen. Immerhin ist der vierköpfige Vorstand paritätisch besetzt. Nicht selten hat ein Beratungsgespräch das Ziel, den Anfragenden klarzumachen, dass ihre Geschäftsidee noch erheblich zu überarbeiten oder schlicht nicht realisierbar sei. Bei Meerkorn war das zum Glück nicht der Fall.
Gleich zwei Wirtschaftssenioren interessierten sich für das Startup und sein Produkt, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Michael Erich ist Ingenieur und war von der technischen Lösung fasziniert. Als Segler kennt er zudem das Problem mit den Geisternetzen aus eigener Erfahrung. Der zweite Berater ist ein weiterer Glücksfall für Meerkorn. Andreas Bartmann konnte als Geschäftsführer des auf Outdoor- und Reiseartikel spezialisierten Handelsunternehmens Globetrotter nicht nur die Marktchancen von Mylly realistisch einschätzen, sondern auch dafür sorgen, dass sie ins Sortiment aufgenommen wurde.
IFB-Finanzierung unterstützt Wachstum
Das hat sich selbstverständlich positiv auf den Umsatz ausgewirkt, der im Laufe der Jahre kontinuierlich gestiegen ist. Zuletzt waren es 2025 rund 700.000 Euro. Das ermöglicht es Meerkorn, ohne zusätzliche Finanzierungen auszukommen. Den Wirtschaftssenioren ist es ohnehin nicht gestattet, in eines der von ihnen betreuten Unternehmen zu investieren. Tun sie es dennoch, müssen sie für den Zeitraum ihres Engagements den Verein verlassen. So bleibt der Kredit in Höhe von 100.000 Euro, den Meerkorn von der IFB Hamburg erhalten hat, vorerst das einzige Fremdkapital.
Mehr ein Test, ob das Produkt ankommt, denn eine Einnahmequelle war eine Crowdfunding-Kampagne im Herbst 2021. Entsprechend niedrig war das Minimalziel angesetzt und wurde mit knapp 10.000 Euro dann deutlich übererfüllt. Danach konnte Meerkorn mit der Wachstumsphase beginnen, in der viele Herausforderungen auf das junge Gründungspaar zukamen, mit denen sie naturgemäß zum ersten Mal konfrontiert waren, beispielsweise die Umstellung der Produktion von 3D-Druck auf maschinelle Herstellung. Gerade in solchen Situationen bewahrt die Erfahrung der Wirtschaftssenioren vor vorschnellen und falschen Entscheidungen und öffnet die richtigen Türen.
Für Jennifer und André sind Michael und Andreas jederzeit erreichbar. In dringenden Fällen auch wie eine Art Notruf, eine Lösung erarbeiten sie zusammen meist noch am selben Tag. Dazu kommen strategische Gespräche bezüglich der Schärfung des Businessmodells oder der Erschließung neuer Märkte. Manches Beratungsverhältnis dauert Jahre, wobei die Ansprechpartner wechseln können, wenn ein Startup in eine neue Phase eintritt oder sein Geschäftsmodell ändert. Und Hilfe gibt es nicht nur bei rein wirtschaftlichen Themen; als Jennifer wegen einer chronischen Erkrankung ihr Arbeitspensum herunterfahren musste, konnte sie auch in diesem Fall kompetente Beratung zur persönlichen Situation bekommen. Das macht die Betreuung durch die Wirtschaftssenioren aus: Im Idealfall entsteht dort eine individuelle Beziehung, die keine noch so kompetent geführte Sprechstunde bieten kann.