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HIV gilt als eine besonders tückische Virenart. Wer sich einmal damit infiziert hat, wird es sein Leben lang nicht mehr los, auch wenn es inzwischen Medikamente gibt, die einen schweren Krankheitsverlauf verhindern. Für eine medizinische Revolution könnte daher Provirex sorgen, denn das Hamburger Startup hat ein Verfahren entwickelt, das eine vollständige Heilung verspricht. Eine erste klinische Studie soll das in naher Zukunft bestätigen.

Wissenschaftliche Darstellung von DNA-Strängen und Proteinstruktur auf gelbem Hintergrund mit Molekülpfad
Grafische Darstellung der Extrahierung der HIV-DNA © Provirex

In Provirex stecken fast 20 Jahre Forschungsarbeit

Auch wenn es manchmal den Anschein macht: Startups entstehen selten über Nacht, die meisten haben eine lange Vorgeschichte. Die von Provirex lässt sich sogar bis ins Jahr 2007 zurückverfolgen. Damals gelang einem Team von Wissenschaftler:innen des Leibnitz-Instituts für Virologie (LIV) in Hamburg um Prof. Dr. Joachim Hauber sowie des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden um Prof. Dr. Frank Buchholz ein bedeutender Fortschritt in der AIDS-Forschung. Sie hatten es geschafft, die HIV-DNA aus einer infizierten Zelle zu entfernen.

Um die Tragweite dieses Durchbruchs einordnen zu können, muss man sich die Funktionsweise von HIV vor Augen führen. Das Virus attackiert T-Helferzellen, die eine wichtige Rolle im menschlichen Immunsystem spielen. Genauer gesagt, es baut sich dauerhaft in die DNA dieser Zellen ein, was zu einer wachsenden Immunschwäche und unbehandelt zum Ausbruch von AIDS führt. Bei ihrem ersten Auftreten in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts galt die Krankheit als unbehandelbar und damit tödlich. Das ist zum Glück längst nicht mehr der Fall: Durch Einnahme von Medikamenten kann die Vermehrung der Viren im Körper unterdrückt werden.

Das Team von Provirex © Catrin-Anja Eichinger
Das Team von Provirex © Catrin-Anja Eichinger

Heilen statt therapieren

Ganz beseitigen lassen sie sich aber bisher nicht und die medikamentöse Behandlung hat eine Reihe von Nachteilen. Sie hat ein Leben lang zu erfolgen, kann ernste Nebenwirkungen haben und in seltenen Fällen gar nicht ansprechen. Nicht zu unterschätzen ist auch der psychologische Aspekt. Die Tatsache, HIV-positiv zu sein, erleben viele Betroffene als Stigma.

Das Verfahren, das seinen Ursprung in den fast 20 Jahre alten Erkenntnissen hat, zielt dagegen auf die vollständige Eliminierung von HIV aus dem menschlichen Körper und damit zu einer echten und dauerhaften Heilung. Als Werkzeug dient dabei ein Enzym, das als Rekombinase bezeichnet wird. In dem Namen verbirgt sich seine Aufgabe, die darin besteht, die DNA der befallenen T-Helferzellen neu zu ordnen. Die Rekombinase identifiziert konservative, das heißt, sich nicht verändernde Abschnitte der HIV-Gensequenz und nutzt diese, um den Virusbestandteil herauszuschneiden. Im Anschluss setzt es die aufgeschnittene DNA wieder fehlerfrei zusammen, was das Verfahren von der bekannteren CRISPR/Cas-Methode unterscheidet.

Im Labor von Provirex © Daniel Keil
Im Labor von Provirex © Daniel Keil

Die IFB hat Provirex von Anfang an gefördert

Der erste Durchbruch gelang zwar schon 2007, war aber nur der der erste Schritt einer weiteren langjährigen Forschungsarbeit. Deren Ergebnisse fanden 2016 durch eine Veröffentlichung in dem Fachjournal „Nature Technologie“ weltweite Beachtung. Dort wurde die Wirksamkeit der jetzt Brec1 genannten Rekombinase beschrieben. Von einer klinischen Studie war man damals allerdings noch weit entfernt und auch eine Ausgründung stand noch nicht auf der Tagesordnung. Die erfolgte im Jahr 2019 unter dem Namen Provirex.

Kurz nach Gründung der Provirex erhielt das Startup finanzielle Unterstützung - zunächst durch den InnovationsstarterFonds -  später auch durch die IFB-Programme PROFI Transfer und PROFI Transfer Plus. In 2019 beteiligte sich neben dem Seedfonds der IFB Innovationsstarter GmbH zudem das Technologietransferunternehmen Ascencion, in 2022 zusätzlich noch die Biotech-Investmentfirma Bioventure, die in 2026 gemeinsam mit dem InnoVentureFonds weiteres Kapital in Höhe von insgesamt 6 Mio. € zur Verfügung stellten.

Dr. Jan Claas-von Jachmann, CEO von Provirex © Catrin-Anja Eichinger
Dr. Jan Claas-von Jachmann, CEO von Provirex © Catrin-Anja Eichinger

Die Aufgaben wachsen mit dem Team

So entstand eine finanzielle Kontinuität, die dem Startup Sicherheit gab und Wachstum ermöglichte. 2022 bezog es die Start-up-Labs in Bahrenfeld und richtete dort seine ersten Labore ein. Inzwischen hat es seine neue Heimat im tecHHub in Altona gefunden und dort auf einem ganzen Stockwerk ideale Bedingungen für Forschung und Produktion. Die „Urväter“ von Provirex, die Professoren Hauber und Buchholz, hatten das operative Geschäft da längst einem Quartett von Co-Foundern überlassen: Oliver Ahnfeld (CFO), Dr. Jan Chemnitz (CSO), Dr. Maile Voges (QM) und Dr. Niklas Beschorner (CTO).

Seit März 2025 verstärkt Dr. Jan Claas-von Jachmann das Managementteam als CEO. Seine Dissertation im Bereich HIV sowie über 25 Jahre Erfahrung in leitenden Positionen in der Pharmaindustrie prädestinieren ihn für die Aufgabe, Provirex weiter voranzutreiben. Seit seinem Amtsantritt ist das Team von acht auf jetzt knapp 20 Personen gewachsen. Grund dafür ist das ehrgeizige Ziel, sowohl eine lange geplante klinische Studie als auch die Produktion des Heilmittels komplett in Eigenregie durchzuführen.

Ein großer Teil der Arbeit bei Provirex wird mit Computern erledigt. © Catrin-Anja Eichinger
Ein großer Teil der Arbeit bei Provirex wird mit Computern erledigt. © Catrin-Anja Eichinger

Die erste klinische Studie steht in den Startlöchern

Im Tierversuch hat sich die Wirksamkeit von Brec1 bereits erwiesen, und das nicht an tierischen Zellen, sondern an menschlichen Zellen, die in Mäuse eingebracht wurden. Aus immunologischer und toxikologischer Sicht verlief alles reibungslos. Das Genehmigungsverfahren für die Studie an Menschen ist weit fortgeschritten. Auch die Partner an Universitätskliniken sind bereits gefunden, und zwar an den Standorten Frankfurt, München, Düsseldorf, Köln und Essen.

Wenn alles wie geplant klappt, werden sich acht mit HIV infizierte Personen einer aufwendigen Prozedur unterziehen. Vereinfacht gesagt, werden ihnen Stammzellen entnommen und ihnen mit Brec1 angereichert wieder injiziert. Bei der Behandlung kommt auch das aus der Chemotherapie bekannte Arzneimittel Busulfan zur Konditionierung zum Einsatz. Sie ist also mit Belastungen verbunden und erstreckt sich über mehrere Wochen. Für einen massenhaften Einsatz im Kampf gegen HIV ist dieses Verfahren noch nicht geeignet, deshalb wird langfristig angestrebt, Brec1 ohne Umwege zu verabreichen, in vivo, wie es in der Fachsprache heißt.

Bis es so weit ist, werden noch einige Jahre vergehen, realistisch ist ein Markteintritt im größeren Stil für das Jahr 2033. Die Kosten für die Herstellung und die aufwendige Behandlung mögen dann auf den ersten Blick hoch erscheinen. Rechnen sollte es sich aber trotzdem, denn einer einmaligen Behandlung stehen die Aufwendungen für die lebenslange Versorgung mit den bisher üblichen Medikamenten gegenüber.

Der Bedarf ist ohnehin groß. Auch wenn HIV und AIDS im öffentlichen Bewusstsein nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, steigt die Zahl der Infizierten weiterhin. Über 40 Millionen waren es im Jahr 2025. Die Zuwachsrate wird mit 1,3 Millionen jährlich beziffert, wobei exakte Zahlen gerade für die besonders betroffenen Länder in Afrika nur schwer zu ermitteln sind.

Inwieweit Provirex diesen negativen Trend stoppen kann, hängt nicht zuletzt von der finanziellen Ausstattung des Startups ab. Bis Ende 2027 ist diese gesichert. Die klinische Studie wird gezielt vorangetrieben, um mit den ersten positiven Resultaten die nächste Investitionsrunde vorzubereiten. Bisher hat zusammen mit dem Investor Bioventure die Stadt Hamburg durch die IFB-Förderung und die Schaffung der hervorragenden Arbeitsbedingungen im tecHHub viel zur Entwicklung von Provirex beigetragen. Beim Hamburg Innovation Summit im Juni 2026 kam Dr. Jan Claas-von Jachmann beim Eröffnungspanel mit Wirtschaftssenatorin Dr. Melanie Leonhard ausführlich zu Wort. Die Politik hat also offenbar erkannt, welches Potenzial das mehrfach patentierte Heilverfahren auch für den Wirtschaftsstandort hat. Für die Weltgesundheit sowieso.

Dr. Jan Claas-von Jachmann, CEO von Provirex © Catrin-Anja Eichinger
„Ohne Menschen mit Ideen und Fähigkeiten geht nichts. Ohne Infrastruktur auch nicht. Und ohne Kapital kommt beides nicht weit. Hamburg unterstützt uns in allen drei Dimensionen. Das macht den Unterschied.“
Dr. Jan Claas-von Jachmann, CEO von Provirex

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Startup City Hamburg

Startup City Hamburg ist die zentrale Anlaufstelle für Hamburgs Startup-Ökosystem: Wir berichten über News und Events, Gründer:innen und Erfolgsgeschichten der Szene, ordnen aktuelle Entwicklungen ein und behalten Fördermöglichkeiten im Blick. Mit persönlicher Beratung durch unsere Startup-Guides und einem Netzwerk aus Gründer:innen, Investor:innen und Institutionen geben wir Gründungsinteressierten und Foundern einen Überblick über die Szene.

Startup City Hamburg ist Teil der IFB Innovationsstarter GmbH und wird von der Freien und Hansestadt Hamburg über die Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation (BWAI) gefördert.


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