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35 % aller Frauen werden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Opfer körperlicher Gewalt – das ist das erschreckende Ergebnis einer Untersuchung der Europäischen Grundrechteagentur. In den meisten Fällen geschieht das in den eigenen vier Wänden, in einer Beziehung. Das Startup myProtectify nutzt künstliche Intelligenz, um von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen moralische Unterstützung zu bieten und ihnen Wege zum Ausstieg zu zeigen.

Sogol Kordi, Gründerin von myProtectify
© Armin Oehmke: Sogol Kordi, Gründerin von myProtectify

Gründerin Sogol war selbst Betroffene

Ein guter Startup-Pitch schafft es, sein Publikum von Beginn an in seinen Bann zu ziehen. Er veranschaulicht ein bestehendes Problem, bietet eine praktikable Lösung und ist dann besonders überzeugend, wenn die persönlichen Erfahrungen einer Person den entscheidenden Anstoß zur Gründung gegeben haben. So gesehen, gibt es wohl kaum einen beeindruckenderen und bewegenderen Pitch als den von Sogol Kordi für ihr Startup myProtectify.

Dort spricht sie nämlich über die Gewaltbeziehung, die vier Jahre ihres Lebens prägte. Sie zeigt Fotos von Verletzungen in ihrem Gesicht und schildert, wie schwer es ihr gefallen ist, den Teufelskreis zu durchbrechen und dafür Hilfe zu finden. Häusliche Gewalt fange nicht mit dem ersten Schlag an, erklärt sie, und beschreibt den schleichenden Prozess, der eine solche Beziehung so verhängnisvoll macht, aus eigener Erfahrung und den Aussagen anderer Betroffener. Am Anfang steht oft der Aufbau eines Abhängigkeitsverhältnisses; der Frau wird die finanzielle Unabhängigkeit erschwert oder unmöglich gemacht.

© Mathias Jäger/Hamburg Startups: Sogol Kordi bei Female StartAperitivo 2023
© Mathias Jäger/Hamburg Startups: Sogol Kordi beim Female StartAperitivo 2023

Wenig Unterstützung für Opfer von Partnerschaftsgewalt

Es folgt die soziale Isolation, die Abschottung von der Familie und dem Freundeskreis, etwa mit der Begründung, das sei kein geeigneter Umgang. Die Minderung des Selbstwertgefühls gehört ebenfalls zum Repertoire einer toxischen Beziehung. Der Frau wird vermittelt, sie mache ständig Fehler und sei selbst schuld am herablassenden Verhalten ihres Partners. Wenn dann nach der psychischen die körperliche Gewalt folgt, erscheint das den Frauen, die systematisch manipuliert wurden, fast als logische Konsequenz. Daher fällt es vielen so schwer, spätestens zu diesem Zeitpunkt das einzig Richtige zu tun, nämlich die Beziehung sofort zu beenden.

Eine Stimme im Hinterkopf, die Sogol sagte, dass da etwas ganz und gar falsch war, habe es schon früh gegeben. Sie sei aber lange zu leise gewesen, erst nach drei Jahren habe sie sie nicht mehr überhören können. Isoliert wie sie war, konnte sie sich nicht an Verwandte und Freundinnen wenden, musste aber auch feststellen, dass das öffentliche Hilfsangebot unzureichend und mit zu vielen Hürden verbunden war. Über Instagram baute sie eine Beziehung zu einem „Buddy“ auf, die ihr schließlich die Kraft für den Ausstieg gab. Sie nahm wieder Kontakt zu ihrem Vater und früheren Freundinnen auf, die ihr die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben erleichterten.

Team MyProtectify mit Katharina Fegebank, Hamburgs Zweiter Bürgermeisterin
© Mathias Jäger/Hamburg Startups: Team MyProtectify mit Katharina Fegebank, Hamburgs Zweiter Bürgermeisterin

Der Wunsch zu helfen führte zur Gründung von myProtectify

Schnell reifte in Sogol der Wunsch, ihre Erfahrungen in irgendeiner Form einzubringen, um anderen Frauen in Gewaltbeziehungen zu helfen. Durch einen Startup-Kurs während ihres VWL-Studiums in Kiel wurde ihr dann klar, auf welchem Weg sie dieses Ziel am besten erreichen könnte. Ihren allerersten Auftritt hatte sie am 16. Juni 2023 beim Waterkant Pitch. Knapp einen Monat später stand sie als Vertreterin Schleswig-Holsteins beim Finale des Gründerinnenwettbewerbs Female StartAperitivo auf der Bühne. Ihr Projekt trug damals noch den Namen Protectify, woraus dann das offiziell Anfang 2024 als gemeinnützige gUG gegründete Startup myProtectify hervorging.

2024 ging es für myProtectify zügig voran. So erhielt es im März eine Förderung durch exist Woman des Bundeswirtschaftsministeriums und einen Platz im Accelerator von GATEWAY49 in Lübeck. Einen weiteren Höhepunkt bildete im Herbst die Teilnahme am Programm GOAL (Global Overseas Acceleration & Learning) des Wagniskapitalgebers Plug and Play im Silicon Valley. Unterdessen hatte das Startups seinen Hauptstandort nach Hamburg verlagert, wo Sogol ursprünglich herkommt. Einen krönenden Jahresabschluss bot Ende November die Auszeichnung mit dem IDEA-Förderpreis, der im Rahmen einer öffentlichen Zeremonie im Hamburger Rathaus verliehen wurde. Mit dem Preis möchte der Senat für Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit Frauen sichtbarer machen, die sich im digitalen Raum engagieren oder sich in Tech-Berufen und in digitalen Arbeitskontexten erfolgreich durchgesetzt und etabliert haben.

© Armin Oehmke: Webseite mit dem Chat Maya
© Armin Oehmke: Webseite mit dem Chat Maya

Die Businessidee: Der KI-Chat Maya

Das macht deutlich, dass es sich bei myProtectify nicht nur um ein gemeinnütziges Hilfsprojekt handelt, sondern um ein Startup mit starker technologischer Komponente. Die Anfang 2025 gewährte Förderung durch das InnoImpact-Programm der IFB Innovationsstarter GmbH beschleunigte die Entwicklung des Chatbots Maya. Im August trat eine erste Version ihren Dienst an und erzielte bereits in den ersten vier Wochen mehr als 250 gestartete Konversationen. Maya ist eine KI-gestützte Begleiterin, die Betroffenen von häuslicher Gewalt rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Zunächst liefert sie empathische Unterstützung, ohne zu bewerten und Druck aufzubauen, und hilft dabei, Scham- und Schuldgefühle abzubauen. Wenn unmittelbare Gefahr droht, informiert Maya über den Notruf und vermittelt an verfügbare Krisenangebote. Die Webseite lässt sich im Notfall schnell über einen Klick verlassen, der auf The Weather Channel umleitet und nicht auf myProtectify rückverfolgbar ist. Des Weiteren gibt der KI-Chat Hilfestellung bei der Planung des Ausstiegs, verschafft einen Überblick über Beratungsstellen und deren Angebote und unterstützt auch bei der Neuorganisation des Lebens nach Ende der Gewaltbeziehung.

© Armin Oehmke: das Team von myProtectify: Benedikt Görges, Ronja Zimmermann, Sogol Kordi und Ann Rheinheimer
© Armin Oehmke: das Team von myProtectify: Benedikt Görges, Ronja Zimmermann, Sogol Kordi und Ann Rheinheimer

Ein starkes Team und viel Know-how

Die treibende Kraft bei myProtectify war und ist Sogol, aber sie weiß ein starkes Team an ihrer Seite. Mitgründer ist Tobias Pörtner, der sich inzwischen aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat, aber noch beratend tätig ist. Das aktuelle Kernteam besteht aus weiteren drei Personen. Die Aufgabe als CEO hat die Kommunikationsdesignerin Ann Rheinheimer übernommen. Ronja Zimmermann ist eine Psychologin mit Masterabschluss, bringt also reichlich fachliches Know-how ein. Und der Wirtschaftspsychologe Benedikt Görges hat bereits selbst gegründet und kümmert sich mit seiner Erfahrung um die Geschäftsentwicklung und die Finanzen. Hinzukommen mehrere Freelancer und ehrenamtliche Unterstützer:innen, die unter anderem die Software entwickeln.

Sogol Kordi, Gründerin von myProtectify
„Hamburg spielt für myProtectify eine zentrale Rolle. Hier befinden sich nicht nur unser Hauptstandort und der Großteils unseres Netzwerks, sondern es ist auch der Ort, an dem aus persönlichen Erfahrungen die Vision entstand, Hilfe bei häuslicher Gewalt früher und einfacher zugänglich zu machen.“
Sogol Kordi, Gründerin von myProtectify

An öffentlicher Wertschätzung mangelt es myProtectify nicht, die Gründerin und ihr Startup haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem beim IDEE-Förderpreis und der STARTERiN Hamburg, und eine Aufnahme in die prestigeträchtige Forbes-Liste „30 under 30“. An der Bedeutung des Themas, das myProtectify aufgreift, besteht erst recht kein Zweifel. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 265.942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt. Das ist ein trauriger Rekord und umfasst nur die Fälle, die in der offiziellen Kriminalstatistik auftauchen; die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher.

Bild für die Crowdfunding-Kampagne von myProtectify,
© Maxine Stiller: Bild für die Crowdfunding-Kampagne von myProtectify

Finanzierung bleibt Herausforderung

Ein Service wie der von myProtectify wird also dringend gebraucht und bei größerer Bekanntheit wären es wohl auch wesentlich mehr Chats als die gut 300, die es momentan pro Monat sind. Dafür bedarf es aber verstärkter Marketingaktionen, die entsprechend kosten. Wie bei vielen gemeinnützigen Startups ist auch bei myProtectify die Finanzierung die größte Herausforderung. Für die betroffenen Frauen ist das Angebot selbstverständlich kostenlos und wird es unter allen Umständen bleiben. Größere Finanzierungsrunden wie bei profitorientierten Startups sind auch nicht zu erwarten.

Eine Einnahmequelle sind Workshops, die sich vor allem an Unternehmen richten. Ganz nüchtern betrachtet kostet häusliche Gewalt der Wirtschaft Millionen, wenn nicht Milliarden durch Fehlzeiten bei der Arbeit. Wenn Arbeitgeber:innen ihren Mitarbeiter:innen also myProtectify nahebringen, rechnet sich das. Noch sind solche Kooperationen die Ausnahme, deshalb ist das Startup vor allem auf Förderprogramme, Stiftungen und Spenden angewiesen. Als schönsten Moment ihrer Startup-Karriere beschreibt Sogol die erste Rückmeldung einer Gewaltbetroffenen, die dank myProtectify den Ausstieg aus ihrer Beziehung geschafft hat. Solche Erlebnisse sind buchstäblich unbezahlbar. Um noch viele weitere zu ermöglichen, ist am 8. April eine Crowdfunding-Kampagne unter dem Motto “Love should always feel safe” gestartet, mit Merchandising-Artikeln und einer begleitenden Plakatkampagne in Hamburg. Mit den angestrebten 100.000 Euro soll Maya langfristig weiterentwickelt werden.


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Startup City Hamburg

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