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Eine der Branchen, in denen Hamburg eine führende Rolle einnimmt, ist FoodTech. Die Herstellung von Alternativen zu tierischen Proteinen gehört dort zu den wichtigsten Disziplinen. Das Startup MicroHarvest leistet hier Pionierarbeit. Große Erfolge verzeichnet es bereits bei der Tiernahrung, und eine eigene Produktionsstätte soll das Wachstum weiter beschleunigen.

© Christian O. Bruch / Laif:: Jonathan Roberz (COO), Luisa Cruz (CTO) und Katelijne Bekers (CEO), Gründer:innen von MicroHarvest
© Christian O. Bruch / Laif:: Jonathan Roberz (COO), Luisa Cruz (CTO) und Katelijne Bekers (CEO), Gründer:innen von MicroHarvest

Ein internationales Gründungsteam

Die Vorgeschichte von MicroHarvest spielt in den Niederlanden, wo Katelijne Bekers an der Universität Wageningen Biotechnologie studiert und mit einem Master abgeschlossen hat. Einen ähnlichen Werdegang hat die Portugiesin Luísa Cruz, die ihr Biotechnologiestudium in Delft absolvierte und mit einem Doktortitel krönte. Erstmals begegneten sich die beiden Fermentationsexpertinnen beim niederländischen Unternehmen Corbion, das auf biochemische Produkte spezialisiert ist. Während Luísa dort neun Jahre arbeitete, blieb Kateljine dort nur zehn Monate und heuerte nach einer Zwischenstation in Belgien bei Ohly in Hamburg an, einem führenden Unternehmen für Hefeprodukte.

Der dritte aus dem Gründungstrio, Jonathan Robertz, hat Produktionstechnik in Aachen studiert und dort sein erstes Startup gegründet. Apodius hat Messlösungen für Faserverbundwerkstoffe entwickelt, und das mit großem Erfolg; 2016 übernahm es der Informationstechnologieanbieter Hexagon. Dort arbeitete Jonathan noch bis 2021 in leitender Position und hatte dabei viele Kontakte in die Automobilbranche. Ein Thema, das ihn dabei immer wieder beschäftigte, war die Reduzierung von CO2-Emissionen. Mit der Zeit wuchs in ihm der Wunsch, wieder zu gründen und eine Lösung für diese Herausforderung zu finden.

© MicroHarvest: im Labor in Hamburg
© MicroHarvest: im Labor in Hamburg

Ein jahrtausende altes Verfahren auf den neuesten Stand gebracht

Die bietet sich in besonderem Maße in der Lebensmittelproduktion. Vor allem die Nutztierhaltung gehört zu den größten Verursachern von Treibhausgasen überhaupt, aber auch die auf Pflanzen basierte konventionelle Landwirtschaft trägt dazu bei. Katelijne hatte ein Verfahren entwickelt, dass die Produktion von größeren Mengen Protein durch Fermentation ermöglicht und nur darauf wartete, von der Wissenschaft in die Wirtschaft übertragen zu werden. Inspiriert und ermutigt durch das Team des Startups Infinite Roots, das aus dem Pilzmyzel Fleischalternativen produziert, wagte sie 2021 den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete MicroHarvest. Als Co-Founder konnte sie ihre ehemalige Kollegin Luísa und Jonathan gewinnen, der hier die erfolgversprechende Idee fand, nach der er in seiner Branche vergeblich gesucht hatte.

Auch Investoren erkannten schnell das Potenzial. Bereits im September 2022 konnte MicroHarvest eine Finanzierungsrunde in Höhe von 8,5 Millionen Euro abschließen. Angeführt wurde sie von Astanor Ventures aus Brüssel und Happiness Capital aus Hong Kong. Faber aus Lissabon und FoodLabs aus Berlin waren ebenfalls beteiligt. Sie alle investierten in eine Technologie, deren Grundzüge seit Jahrtausenden bekannt ist: Fermentation. Biotechnologisch betrachtet ist es die Umwandlung organischer Stoffe in Säure, Gase oder Alkohol und findet bei der Herstellung von Sauerkraut, Käse oder Joghurt ebenso Verwendung wie beim Brauen von Bier, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

© MicroHarvest: Modell der neuen Fabrik in Leuna
© MicroHarvest: Modell der neuen Fabrik in Leuna

Expansion nach Portugal und Sachsen-Anhalt

Das Innovative bei MicroHarvest ist die Verwendung von speziellen Mikroorganismen, die größtenteils aus Protein bestehen. Sie werden in Tanks gezüchtet und mit Nebenströmen, also Überresten aus der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, gefüttert. Der Prozess läuft innerhalb von 24 Stunden ab und liefert nach weiteren Verarbeitungsschritten als Endprodukt hochwertiges Proteinpulver. Und das bei minimierten Flächen- und Wasserverbrauch im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft. Bei der Emission von Treibhausgasen spricht das Startup sogar von einer Reduzierung von bis zu 95 %.

Bei seinen ersten Expansionsbestrebungen blieb das Unternehmen seiner internationalen Ausrichtung treu. Ende 2023 eröffnete MicroHarvest eine Pilotanlage in Lissabon, in der vor allem die Skalierungsmöglichkeiten der Technologie getestet werden. Die biochemische Grundlagenforschung zur weiteren Steigerung der Proteinqualität und Diversifizierung des Angebots findet weiterhin in Hamburg statt, ebenso die unternehmerische Leitung. Das wird sich auch nicht ändern, wenn Ende 2027, spätestens Anfang 2028 die neue Produktionsanlage in Leuna (Sachsen-Anhalt) ihren Betrieb aufnehmen wird. Leuna ist traditionell einer der wichtigsten Standorte der chemischen Industrie in Deutschland.

© MicroHarvest: symbolische Übergabe des Zuwendungsbescheids in Leuna
© MicroHarvest: symbolische Übergabe des Zuwendungsbescheids in Leuna

MicroHarvest plant mit 15.000 Tonnen Protein pro Jahr

Bisher lässt MicroHarvest über einen Lohnhersteller fünf Tonnen Protein pro Woche produzieren. Mit dem zukünftigen Standort stößt das Startup in ganz andere Dimensionen vor; geplant sind 15.000 Tonnen pro Jahr. Es handelt sich dabei um einen vollständigen Neubau, dessen Kosten im mittleren zweistelligen Millionenbereich liegen. Als Finanzierungspartner ist die Bank ABN AMRO an Bord, eine weitere Finanzierungsrunde soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Einen Zuwendungsbescheid über knapp 5,5 Millionen Euro aus der Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft hat es bereits gegeben.

Im Vorfeld hatte MicroHarvest rund 40 Standorte in Europa für die Expansion unter die Lupe genommen. Die Entscheidung zugunsten des Chemieparks Leuna fiel wegen der dort bereits vorhandenen Infrastruktur und der Nähe zu landwirtschaftlichen Betrieben, die vor allem Melasse aus der Zuckerherstellung als Nährstoffquelle für die Mikroorganismen liefern sollen. Unterstützung gab es auch aus der Politik mit der Hoffnung, dass die Schaffung von zunächst 25 Arbeitsplätzen erst der Anfang sein wird.

© MicroHarvest: Jonathan Roberz, Co-Founder von MicroHarvest
„Unser Ziel war es, einen Standort zu finden, an dem wir uns auf unser Kerngeschäft in der Biotechnologie konzentrieren können, anstatt die industriellen Grundlagen von Grund auf neu aufbauen zu müssen. Leuna stach dabei deutlich hervor. Die Qualität der Infrastruktur, die Versorgungsanschlüsse und das umliegende Netzwerk der Agrarverarbeitung schaffen die Voraussetzungen für eine schnelle Umsetzung – genau das, was man braucht, wenn man ein fermentationsbasiertes Produktionssystem skaliert.“
Jonathan Roberz, COO und Mitgründer von MicroHarvest
© MicroHarvest: so sieht das Basisprodukt aus
© MicroHarvest: so sieht das Basisprodukt aus

Tiernahrung als Wachstumsmotor für MicroHarvest

Als Wachstumsbremse erweist sich derweil noch die europäische Novel Food-Verordnung. Sie betrifft sowohl alle Lebensmittel, die vor 1997 in Europa noch nicht üblich waren, als auch danach entstandene Herstellungsverfahren. MicroHarvest ist da gleich doppelt betroffen und muss ein zeitaufwendiges Genehmigungsverfahren durchlaufen, dessen baldiges Ende nicht unbedingt zu erwarten ist. Für Tiernahrung gelten aber weniger strenge Regeln, weshalb das Startup auf diesem Markt bereits seit 2024 auf Wachstumskurs ist. Den Anfang machte VEGDOG mit veganem Hundefutter, auch Katzen kommen inzwischen in den Genuss des Fermentationsproteins.

Mittlerweile sind Hunde- und Katzensnacks verschiedener von MicroHarvest belieferter Anbieter in Deutschland in über 1.800 Verkaufsstellen und vielen Onlineshops erhältlich. Auch in Großbritannien wächst die Nachfrage. Für das zweite Quartal 2026 sind mindestens 15 weitere Produkteinführungen mit Partnern bestätigt, darunter mit Hey Bones, gegründet vom Tiergesundheits-Influencer Murat Colak, Vetura und aniAMA. Bedarf besteht zudem bei Betreibern von Aquakulturen.

© MicroHarvest: Katelinje Bekers, Co-Founder von MicroHarvest
„Wir beobachten gerade, wie aus ersten Produkteinführungen eine wiederkehrende Nachfrage wird. Unsere internationalen Partner testen den Inhaltsstoff nicht nur, sondern integrieren ihn in mehrere Produkte und skalieren die Volumina. Das ist ein starkes Signal dafür, dass mikrobielles Protein in realen kommerziellen Umfeldern funktioniert.“
Katelijne Bekers, CEO und Mitgründerin von MicroHarvest

Das wichtigste Ziel bleibt aber die Erschließung des Marktes für den menschlichen Bedarf. Proteine sind ein wesentlicher Faktor für eine gesunde Ernährung. Die Lebensmittelindustrie hat das längst erkannt, fast täglich kommen neue mit Protein angereicherte Produkte in die Supermärkte. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass für die Proteinversorgung der Zukunft weniger klimaschädliche Produktionsmethoden als bisher notwendig sind. Wenn MicroHarvest alle bürokratischen Hürden überwunden hat, wird das Startup von Hamburg aus gesteuert hier einen wichtigen Beitrag leisten können.


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