Holy Technologies macht Hamburg zu führendem Standort für Leichtbauteile
Leichtbauteile finden in zahlreichen Branchen immer weitere Verbreitung, weil sie mit ihrem geringen Gewicht Ressourcen schonen, Energiekosten senken und die Effizienz steigern. Bisher besteht allerdings eine hohe Abhängigkeit von Produzenten aus Asien. Mit dem Startup Holy Technologies gibt es nun eine Alternative aus Hamburg, die technologisch Weltspitze ist.
Zwei Gründer, die sich optimal ergänzen
Bei einem Startup, das Leichtbauteile produziert, muss vieles optimal zusammenpassen. Das fängt schon bei den Gründern an. Die von Holy Technologies, Bosse Rothe Frossard und Moritz Reiners, kennen sich bereits eine lange Zeit und saßen schon als Ruderer im selben Boot. CEO Bosse bringt jede Menge Startup-Erfahrung mit. Als Mitgründer brachte er CleanHub (Thema: Befreiung der Ozeane von Plastikmüll) auf Wachstumskurs. Davor hatte er den Blockchain-Vermögensverwalter Protos mit aufgebaut und war erster Mitarbeiter beim Startup Fashwell, das KI für die Erkennung von Bildern aus der Modebranche nutzte und später von Apple übernommen wurde. Branchenübergreifend hat er sich also mehrfach bei der Skalierung von neuen Technologieunternehmen bewiesen.
Moritz verbrachte die meiste Zeit seines Arbeitslebens bei einem Großkonzern, nämlich bei Airbus beziehungsweise deren Tochtergesellschaft Composite Technology Center (CTC) in Stade. Composite ist der englische Fachausdruck für Verbundwerkstoffe, die aus mindestens zwei sortenreinen Grundstoffen bestehen. Moritz ist ein Fachmann auf diesem Gebiet und hat sich mit der Industrialisierung von Prozessen, technologischen Innovationen und Automatisierung beschäftigt. Bei Airbus spielte er eine zentrale Rolle dabei, fortschrittliche Forschung und Entwicklung in Systeme zu überführen und somit die Brücke zwischen Materialwissenschaft, Fabrikdesign und Produktionseffizienz zu schlagen.
Verfahren und Software machen den Unterschied
Ein weit verbreiteter Verbundwerkstoff ist Karbon, eine Kombination aus Kohlenstofffasern und Harzen. Bauteile aus diesem Material zeichnen sich durch geringes Gewicht und hohe Belastbarkeit aus. Ein Nachteil bei der häufig noch in Handarbeit erfolgenden Herstellung hochwertiger Teile ist der Zeit- und Kostenaufwand und ein hoher Materialausschuss. Zudem lassen sich Composites kaum angemessen recyceln. Die Fasern werden oft geschreddert und als minderwertiges Material weiterverwertet. Hier gab es also jede Menge Verbesserungspotenzial, erkannten Bosse und Moritz und gründeten 2022 Holy Technologies.
Ein Fertigungsverfahren, das zu dem Zeitpunkt als besonders fortschrittlich galt, nennt sich Automated Fiber Placement (AFP). Ein Roboterarm platziert Kohlenstofffasern anhand einer vorgegebenen Form, anschließend wird das Harz zur Festigung hinzugefügt. Aber auch dabei fällt noch eine erhebliche Menge an Abfall an. Das Verfahren von Holy Technologies trägt den Namen Infinite Fiber Placement (IFP) und ist eine eigenständige Neuentwicklung. Hier wird eine kontinuierliche Faser verwendet, wodurch keine Überreste bleiben.
Den genauen Produktionsvorgang hat vorher die hauseigene Software errechnet. Holy Technologies ist als Deep-Tech-Unternehmen nämlich mehr als ein reiner Auftragsfertiger. Die Dienstleistung besteht aus zwei Teilen. Zunächst gibt der Kunde vor, welches Leichtbauteil er benötigt. Am Computer wird dann ausgetüftelt, wie sich die Vorgaben am besten umsetzen lassen. So wird beispielsweise die Belastung simuliert, der ein Teil ausgesetzt sein wird, und die dafür optimale Faserausrichtung ermittelt. Dass dabei auch künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, ist heutzutage fast selbstverständlich. Steht der ideale Produktionsablauf fest, steuert die Software den Roboterarm. Das mit dem Harz gehärtete Endprodukt muss dann nicht weiterbearbeitet werden, selbst kleine Details wie etwa Löcher wurden bereits berücksichtigt.
Erfolgreicher Praxistest in der Formel 1
Die Praktikabilität dieser Vorgehensweise konnte Holy Technologies früh durch eine Kooperation mit Visa Cash App RB beweisen. Für den zu Red Bull gehörenden Rennstall fertigte das Startup die Schalen für die Seitenspiegel. Innovative Technologien gehören zum Selbstverständnis der Formel 1 und Leichtbauteile aus Karbon sind dort weit verbreitet. Holy sorgte noch einmal für eine Gewichtsreduktion von 20 Prozent gegenüber dem zuvor verwendeten Teil.
Bei dem Auftrag von Visa Cash App RB ging es naturgemäß nur um eine geringe Stückzahl. Der Anspruch von Holy Technologies ist es aber, ultraleichte, lasttragende Bauteile, in mittleren bis hohen Stückzahlen kosteneffizient und schnell herzustellen. Das Ziel ist eine skalierbare, autonome Produktion in Europa, die unabhängig ist von Lieferketten, die in Zeiten internationaler Turbulenzen immer unsicherer werden. In einer Pilotanlage in den Start-Up Labs in Bahrenfeld konnte das Startup bereits die ersten Schritte in diese Richtung machen, für echtes Wachstum benötigte es aber eine größere Produktionsanlage und daher Geld.
Dank Finanzierungsrunde zur eigenen Produktionsanlage
Das erhielt es in einer Finanzierungsrunde, die im September 2025 verkündet wurde. 4,3 Millionen Euro gab es von einer Reihe von VC-Unternehmen und Business Angels sowie dem Innovationsstarter Fonds der IFB Innovationsstarter GmbH. „Das Rennen um die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas hat begonnen“, kommentierte Bosse damals die Erfolgsmeldung. „Diese Finanzierung erlaubt es uns, unser System zu skalieren und unseren Kunden das zu liefern, was sie am dringendsten benötigen: radikal bessere Leichtbauteile – in höchster Geschwindigkeit.“
Der Plan, in Hamburg die weltweit erste autonome Fabrik für Leichtbauteile zu errichten, wurde zügig umgesetzt. Bereits Anfang 2026 ging diese auf einer Fläche von rund 1.000 Quadratmetern in Betrieb. Die Nachfrage ist groß, aktuell hat das Unternehmen fünf zahlende Kunden und zwölf Teile in der Serienproduktion. In vielen Bereichen und Branchen ist eine Gewichtsreduktion ein wesentlicher Faktor, um den Energieverbrauch zu senken, dadurch Kosten zu sparen und die Klimabilanz zu verbessern. Holy Technologies fertigt momentan für den Industriewerkzeugbau, die Automobilbranche und die Orthopädie. Hier ist die Kombination von Flexibilität und Belastbarkeit ein großer Vorteil. Zudem beschränkt sich die Technologie nicht auf die Verwendung von Karbon, das System ist auch auf Materialien wie Glas-, Aramid- und Naturfasern ausgelegt.
Holy Technologies will von Hamburg aus Europa und die Welt erobern
Preislich kann Holy Technologies mittlerweile mit der Konkurrenz vor allem aus China mithalten, qualitativ ist es ihr eindeutig überlegen. Bei zunehmender Skalierung lassen sich auch die Kosten noch reduzieren. Eine weitere Trumpfkarte hat das Unternehmen noch gar nicht richtig ausgespielt, nämlich die Recyclebarkeit, ihre Karbon-Composites. Möglich macht das die Verwendung eines speziellen Harzes, das sich rückstandsfrei extrahieren lässt. Das geschieht bisher ausschließlich in Hamburg und ein damit verbundenes Geschäftsmodell ist erst in der Planung. In Zukunft könnte hier ein Partnernetzwerk für die Kommerzialisierung sorgen.
Noch steht Europa als Absatzmarkt im Fokus, längerfristig sind auch Kunden in Übersee denkbar. Momentan beschäftigt Holy Technologies rund 20 internationale Fachkräfte, wobei ein nicht unerheblicher Teil von ihnen für den Einsatz und die Weiterentwicklung der Technologie zuständig ist. Noch ist die Herstellung der Leichtbauteile keine reine Roboterangelegenheit, einige weniger zeitaufwendige Arbeitsschritte erfolgen nach wie vor in Handarbeit. Ziel ist aber, die Autonomisierung weiter voranzutreiben und zum führenden Hersteller von Leichtbauteilen in Europa zu werden. Wenn die Wachstumskurve weiter so nach oben zeigt wie bisher, wird die gerade erst in Betrieb genommene Produktionsstätte irgendwann nicht mehr ausreichen. Auch dann soll Hamburg der bevorzugte Standort bleiben.