Laut einer aktuellen Analyse der Förderbank KfW sind rund 2 Millionen Inhaber:innen von kleinen und mittelständigen Unternehmen (KMU) mindestens 55 Jahre alt. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Nachfolger:innen in den kommenden zehn Jahren. Lassen sich diese innerhalb der Familie nicht finden, droht oft die Stilllegung der Betriebe. Eine Alternative bietet das Startup DEALCIRCLE, das über seine Plattform in diesem Jahr voraussichtlich rund 5.000 Nachfolgeprojekte begleiten wird.
Dealcircle hilft mit KI bei der Unternehmensnachfolge
Mehr Stilllegungen als Übernahmen geplant
Früher war in Familienunternehmen die Regelung der Nachfolge nur selten ein Thema. Die Führung ging über Generationen von den Vätern auf die Söhne über. Diese Zeiten sind lange vorbei. Immer häufiger findet sich innerhalb der Familie niemand mehr, der den Staffelstab übernehmen könnte, und auch andere interne Lösungen bieten sich nicht an. Das führt zu einer stetig steigenden Zahl von Stilllegungen wirtschaftlich eigentlich gesunder Unternehmen. Das Anfang 2026 von KfW Research veröffentlichte „Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025“ geht davon aus, dass bis 2029 jährlich rund 114.000 Geschäftsaufgaben zu erwarten sind. Dem gegenüber stehen pro Jahr 109.000 angestrebte Nachfolgeregelungen.
Dafür geeignete Kandidat:innen zu finden ist die Aufgabe von Berater:innen, die sich auf den Bereich Mergers & Acqusitions (M&A) spezialisiert haben, also auf Fusionen und Verkäufe von Unternehmen. Zu den M&A-Experten gehören auch Kai Hesselmann und Graig Groebli. Kennengelernt haben sie sich bei der Investmentfirma CAPCELLENCE, für die sie einige Jahre gearbeitet haben. In der Zeit stellten sie fest, dass es sowohl der Käufer- als auch der Verkäuferseite an verlässlichen Informationen über die aktuelle Marktsituation mangelte. Sie begegneten vielen Einzelkämpfer:innen, die sich auf ihre Netzwerke verlassen mussten und dabei schnell an Grenzen stießen.
IFB-Programme haben DEALCIRCLE kontinuierlich gefördert
Daraus entstand 2017 die Idee eine Plattform zu schaffen, die beide Parteien zusammenbringt. 2018 gründeten Kai und Graig dann DEALCIRCLE und erhielten noch im selben Jahr eine Förderung durch das InnoFounder-Programm der IFB Innovationsstarter GmbH, 2022 folgte die Aufnahme in das InnoFinTech-Programm. Auch die Hamburger Sparkasse erwies sich schon früh als starker Partner. Daher konnte DEALCIRCLE kontinuierlich wachsen, sodass es 2023 bei der Nominierung für den Deutschen Gründerpreis schon der Kategorie „Aufsteiger“ zugeordnet wurde, die für fortgeschrittene Startups gedacht ist. In dem Jahr kam Florian Adomeit als dritter Co-Founder hinzu, um das Plattformgeschäft unter dem damaligen Namen AMBER zu forcieren.
2024 erhielt DEALCIRCLE seine erste Finanzierung in Millionenhöhe durch das Investmentunternehmen Round2 Capital. Dabei handelte es sich um umsatzbasiertes Finanzierungsmodell, bei dem das Startup keine Anteile abgeben muss und dafür eine Gewinnbeteiligung zusichert. 2025 folgte die nächste Finanzierungsrunde, dieses Mal wieder mit IFB-Beteiligung durch den InnoVentureFonds. Zu den insgesamt rund 5 Millionen Euro trugen auch der Hamburger Company Builder Hanse Ventures und diverse Tech- und Software-Experten bei.
Eine Übernahme und die Fusion zweier Plattformen
Das Geld nutzte DEALCIRCLE unter anderem für die Übernahme eines Mitbewerbers, der Deutschen Unternehmerbörse (DUB). Diese wurde bereits 2011 als Plattform für die Unternehmensnachfolge unter anderem vom Handelsblatt und der Commerzbank gegründet. Jahrelang fand sich in der Wochenendausgabe des Handelsblatts quasi eine Printausgabe der Plattform als Beilage. Deren Zielgruppe waren M&A-Berater:innen und Investmentfirmen, die sich für Unternehmen mit einem Wert von mehreren Millionen Euro interessieren. Kleinere KMU kamen da bewusst nicht vor. DEALCIRCLE hatte mit AMBER seine Zielgruppen dagegen inzwischen erweitert und war offen für Unternehmen jeder Größe.
Bei der angestrebten Fusion beider Plattformen kam es also darauf an, die Wünsche und Gewohnheiten der bestehenden Nutzergruppen zu berücksichtigen. Bei AMBER bestand die aus rund 10.000 Personen, bei DUB waren es um die 90.000. So wurde ein Algorithmus entwickelt, der bei der Ausspielung der Angebote die Interessen der Nutzenden berücksichtigt. Auch technologisch stellte die Zusammenführung eine Herausforderung dar. DUB war nicht mehr auf dem neuesten Stand, aber auf große Datenvolumen ausgerichtet. AMBER war wesentlich moderner, aber bei der Skalierbarkeit eingeschränkt. So wurde letztlich eine neue Plattform programmiert, die alle bestehenden Daten vereint und noch großes Wachstumspotenzial besitzt. Abgeschlossen wurde der Prozess im Juli 2026, geblieben ist der etablierte Name DUB.
Ermöglicht hat die Entwicklung auch die vorerst letzte Finanzierungsrunde, wiederum im einstelligen Millionenbereich, die DEALCIRCLE im Januar 2026 verkünden konnte. Erneut dabei war der InnoVentureFonds, erstmals beteiligte sich heise ventures. Über die Webseiten des Medienunternehmens Heise und dessen Marketingagentur heise regioconcept verspricht sich das Startup, eine noch höhere Reichweite für sein Angebot zu erreichen. Das können M&A-Berater:innen, potenzielle Käufer:innen und Unternehmen zunächst kostenlos nutzen, eine käuferseitige Provision wird erst bei einem erfolgreichen Abschluss fällig. Dafür, dass es dazu kommt, sorgt ein Matchingprozess, der im Laufe der Jahre immer stärker automatisiert wurde,
Dank KI mehr Produktivität mit weniger Personal
2025 wurde für die Automatisierung eine eigene Geschäftseinheit bei DEALCIRCLE etabliert. Wenig überraschend, dass künstliche Intelligenz dort eine wesentliche Rolle spielt. Welchen Einfluss KI auf die Unternehmensentwicklung hat, machen ein paar Zahlen deutlich. Jahrelang wuchs mit dem Umsatz auch die Zahl der Mitarbeitenden, in der Spitze waren es 85 Personen. Mitte 2026 hat das Team nur noch etwas mehr als 50 Mitglieder. Die Zahl der erfolgreichen M&A-Projekte ist dagegen rasant gestiegen: 2019 waren es etwa 300, 2025 um die 2.000 und für dieses Jahr sind mit der neuen Plattform 5.000 ein realistisches Ziel.
Möglich macht das eine KI, die einen großen Teil der Recherchearbeit übernimmt. War früher ein 3-Personen-Team einen Tag lang damit beschäftigt, kann heute eine Fachkraft in der Zeit sechs Projekte bearbeiten. Der meistbeschäftigte Kollege heißt mittlerweile Claude und ist sowohl für die Webseitengestaltung als auch für einen Teil der Softwareentwicklung zuständig. Entlassen wurde bei DEALCIRCLE trotzdem niemand. Allerdings wurde bei Kündigungen von Mitarbeitenden die Position nicht neu besetzt usowie die Stellen für Praktikant:innen und Werkstudierende reduziert.
Aufgrund der eingangs geschilderten demografischen Entwicklung und der Neupositionierung von DUB ist davon auszugehen, dass der Erfolgsgeschichte von DEALCIRCLE noch einige Kapitel hinzugefügt werden können. Zumal das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist. In einer Zeit, in der die Gründung eines Startups vielen immer attraktiver erscheint, diese aber an einer fehlenden Geschäftsidee scheitert, könnte eine Unternehmensübername eine echte Alternative darstellen. DEALCIRCLE baut gerade eine Digitalakademie auf, um noch mehr M&A-Expertise zu vermitteln. Auch an das Aufzeigen von Finanzierungsmöglichkeiten ist gedacht. So könnte das Startup einen wichtigen Beitrag zum Erhalt einer vielfältigen Unternehmenslandschaft leisten.