In der Medizin kommt es oft auf millimetergenaues Arbeiten an. Bei dem von Aortex entwickelten Material entscheiden sogar Mikrometer darüber, wie in Zukunft Aneurysmaerkrankungen behandelt werden können. Mit seiner Technologie will das Hamburger Startup die Leben von vielen Tausend Menschen retten.
Aortex macht eine hauchdünne Faser zum Lebensretter
Aneurysmen sind lebensgefährlich und schwierig zu behandeln
Die Aorta ist die größte und wichtigste Arterie des menschlichen Körpers. Sie führt von der linken Herzkammer bis in den Beckenbereich und hat im gesunden Zustand einen Durchmesser von 2,5 bis 3,5 Zentimetern. Eine der häufigsten Erkrankungen der Aorta ist die Aneurysma genannte Aussackung, die zu einer Erweiterung der Arterie führt. Ab einem Wert von 5 Zentimetern wird es kritisch, es droht ein Zerreißen, das zu tödlichen inneren Blutungen führen kann. Eine Operation ist daher dringend empfohlen. Doch die ist oft mit Komplikationen verbunden.
Das gilt zumindest für offene Operationen, bei denen eine Prothese den betroffenen Abschnitt der Aorta ersetzt. Schonender für die Patient:innen ist ein minimalinvasives Verfahren, bei dem mithilfe eines Katheters ein Stentgraft, eine Gefäßstütze, eingeführt wird. Viele Erkrankte können so allerdings nicht behandelt werden, weil ihre Zugangsarterien zu schmal für die herkömmlichen Produkte sind. Frauen sind besonders häufig davon betroffen – bei bis zu einem Viertel von ihnen trifft dies zu.
Zwei Maschinenbauer für den medizinischen Fortschritt
Eine vielversprechende Lösung für das Problem kommt nicht etwa von zwei erfahrenen Medizinern, sondern von zwei Maschinenbauern: Henry Stehle und Maximilian Duncker. Kennengelernt haben sie sich während ihres Studiums an der RWTH Aachen, die einen guten Ruf als Startup-Schmiede hat. Ans Gründen dachten die beiden allerdings zunächst nicht. Nach dem Studium führte sie der berufliche Weg unabhängig voneinander nach Hamburg. Maximilian arbeitete als Projektmanager bei Vibracoustic, einem Zulieferer für die Automobilindustrie, Henry bei der Unternehmensberatung Accenture.
Den persönlichen Kontakt erhielten sie dabei stets aufrecht. Bei einem Abendessen sprachen sie einmal über ein während der Unizeit von ihnen entwickeltes Material, das einen hohen Nutzwert haben könnte, nämlich einen Kunststoff, der sich zu extrem dünnen und dabei besonders haltbaren Fasern verarbeiten lässt. Dieses Material eignet sich hervorragend für einen Stentgraft, der aus einem stabilisierenden Metallgitter (Stent) und einer ummantelnden Kunststoffmembran (Graft) besteht. Das mit der neuartigen Faser hergestellte Textil ist mit einer Dicke von ca. 60 Mikrometern rund 50 % dünner als vergleichbare Produkte; das Ziel sind sogar nur 40 Mikrometer, was 0,04 Millimetern entspricht. Damit wird eine Verkleinerung der Implantate um bis zu 20 % möglich.
Ein Material mit vielen Vorzügen
Das ist aber längst nicht der einzige Vorteil des Materials. Derzeitig verfügbare Stentgrafts haben in der Regel eine begrenzte Haltbarkeit. Ist die Zeit abgelaufen, wird ein erneuter Eingriff erforderlich. Die neue, dünnere Membran ist deutlich verschleißresistenter und sollte ein Leben lang halten. Außerdem ist sie fast zu 100 % wasser- und damit auch blutundurchlässig. Als Henry und Maximilian mit Ärzt:innen und Herstellern von Medizinprodukten über ihre Pläne sprachen, stießen sie auf großes Interesse und die Bereitschaft, das Produkt zu testen, sobald es verfügbar sei.
Das motivierte die beiden dazu, ihr Startup Aortex zu gründen. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte es im Juni 2025 beim Health & Life Science Venture Day, wo es prompt den ersten Platz belegte. Die Kombination aus professioneller Präsentation, Marktpotenzial und echter technologischer Innovation überzeugten dabei Jury und Publikum gleichermaßen. Weitere Preise kamen in den folgenden Monaten hinzu, beispielsweise der Gründergeist im September. Dort beeindruckte besonders die Aussage, dass Aortex im Idealfall weltweit mehr als 100.000 Leben retten könnte. Allein in Deutschland sterben jedes Jahr etwa 10.000 Menschen an einem Aortenaneursyma.
Aortex produziert schnell und individuell
Diese Schätzung hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass für viele Patient:innen unabhängig von ihrer Arteriengröße ein standardisierter Stentgraft nicht geeignet ist und sie auf individuell gestaltete, handgefertigte Produkte angewiesen sind. Die Wartezeit hierfür kann Monate betragen, was in kritischen Fällen keine Option ist. Aortex verspricht, die Herstellung auf Basis einer 3D-Aufnahme der betroffenen Aorta innerhalb weniger Tage durchführen zu können. Dafür wurde eigens ein neuer Prozess aufgesetzt, der momentan noch auf einer Maschine läuft, die mit einer Länge von 15 Metern im Vergleich zu den kleinen Gefäßstützen überproportional erscheint. Deshalb plant Aortex, eine eigene, kompaktere Maschine speziell für medizinische Textilien zu konstruieren.
Das und die Produktweiterentwicklung kosten natürlich Geld, weshalb Aortex kürzlich diverse Förderanträge gestellt hat, die im Idealfall fast 6,5 Millionen Euro einbringen würden. Rund 500.000 Euro konnte das Startup bereits für sich verbuchen, unter anderem von Business Angels. Einen wichtigen Beitrag hat auch das InnoRampUp-Programm der IFB Innovationsstarter GmbH geleistet. Verkündet wurde das im Dezember 2025, für Henry und Maximilian das Signal, sich ausschließlich Aortex widmen zu können.
Die weltweite Nachfrage steigt mit dem Alter der Gesellschaften
Der Traum ist, einmal so bedeutend zu werden wie Medtronic aus Dublin. Das 1949 gegründete Unternehmen ist absoluter Marktführer bei Herzschrittmachern, spielt auch bei Aortenstentgrafts ganz vorn mit und macht einen Jahresumsatz von über 36 Milliarden US-Dollar. Die Nachfrage nach den Gefäßstützen wird in den kommenden Jahren stetig steigen, von zurzeit weltweit 300.000 auf voraussichtlich 1,3 Millionen im Jahr 2040. Das hängt mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung in vielen Ländern zusammen. Andere Auslöser für eine Erkrankung können Übergewicht, Rauchen oder eine genetische Disposition sein.
Ähnlich vielfältig und damit nur schwer eindeutig zuordenbar sind die Symptome, beispielsweise diffuse Bauch- und Rückenschmerzen, Atemnot oder Schwindelgefühl. Auch verläuft die Erkrankung lange Zeit oft gänzlich beschwerdefrei. Zur Prävention empfiehlt sich daher eine regelmäßige Ultraschalluntersuchung, bei frühzeitiger Diagnose kann die Operation rechtzeitig geplant und mit vermindertem Risiko durchgeführt werden.
In diesen Fällen hofft Aortex zu einem führenden Anbieter von Stentgrafts zu werden. Dahin ist es noch ein langer Weg, denn bis ein Medizinprodukt zugelassen wird, muss es einige regulatorische Hürden überwinden und seine Unbedenklichkeit und Wirksamkeit nachgewiesen haben. Bei Aortex rechnet man mit einem Markteintritt im Jahr 2031. Die Befürchtung, dass ihnen ein Mitbewerber zuvorkommen könnte, haben die Gründer nicht. Ihre Technologie wird eine Reihe von Patenten nach sich ziehen. Eine erste Erteilung hat es bereits gegeben. Bei den etablierten Großunternehmen hält sich die Innovationskraft in Grenzen und die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderes, noch unbekanntes Startup etwas mit so vielen Vorzügen wie Aortex entwickelt hat, ist äußerst gering.
Was Maximilian und Henry daher jetzt vor allem brauchen, ist ein langer Atem. Langfristig sehen sie das jährliche Umsatzpotenzial bei weit über 100 Millionen Euro. Und das gilt nur für Stentgrafts; die Faser ließe sich auch in vielen anderen Bereichen der Medizin, wie zum Beispiel für Herzklappen, und darüber hinaus einsetzen. Hamburg betrachten sie für ihre Bestrebungen als idealen Standort. Hier sei die Lebensqualität hoch und das Ökosystem weitestgehend gebündelt und weniger auf Konkurrenzdenken, denn auf Kooperation ausgerichtet. Für das enorme Potenzial der Stadt sprächen auch die Einstufung der Universität Hamburg als Exzellenzuni und die Aktivitäten der IFB und von Impossible Founders zur Förderung von Deep Tech-Startups. Eine Kategorie, in der sich definitiv Aortex wiederfindet.