Radikale Transformation: Taxdoo-Gründer im Interview
Mit seiner Software für die Abrechnung der Umsatzsteuer war Taxdoo eines der erfolgreichsten Hamburger Startups. Der Satz ist bewusst in der Vergangenheit formuliert, denn das Startup verkündete vor einigen Tagen, das alte Geschäftsmodell bis Ende April einzustellen und einen drastischen Pivot, also eine Neuausrichtung des Unternehmens, zu wagen. Im Interview erklärt Dr. Roger Gothmann, einer der Gründer von Taxdoo, warum es zu diesem Schritt gekommen ist und in welche Richtung das Startup jetzt geht.
Wie und wann ist es zu der Entscheidung für den Pivot gekommen?
Ab Juli 2028 macht die EU-Regulierung den Hauptteil unseres bisherigen Geschäfts hinfällig. Das wussten wir von Anfang an. Es war daher von Beginn an klar, dass wir unsere zweite Produktlinie – Buchhaltung – erweitern werden. Im Frühjahr 2025 konnten wir dann einen großen Teil unseres Teams nicht mehr an einem Produkt arbeiten lassen, weil alle wussten, dass es in zwei Jahren niemand mehr brauchen wird. Hinzu kamen die immens schnellen Entwicklungen im Bereich Künstlicher Intelligenz. Da wurde uns bewusst, dass das kein stetiger Prozess sein kann, sondern eine mutige Transformation, an deren Ende eine schnelle und klare Fokussierung steht.
Wird das Team in seiner heutigen Stärke bestehen bleiben?
Es wird Veränderungen geben. Es wäre unehrlich, das zu verneinen. Unsere Steuerexperten, die immer das Aushängeschild von uns als TaxTech waren, sind aber kein Auslaufmodell. Beim Finanzamt gibt es nur richtig = 100 % oder falsch < 100 %. Daher verbinden wir beide Welten: Die Effizienz durch KI und die Verantwortung/Haftung durch Experten.
Wie nehmt ihr eure Mitarbeitenden bei der Veränderung mit?
Indem wir ehrlich sind, bevor wir versuchen zu inspirieren, was häufig der unmittelbare Reflex eines Gründers ist. Transformation bringt natürlich auch Selbstzweifel mit sich. Erst recht, wenn man der erste ist, der diesen Weg geht. Wir haben daher nicht auf jede Frage eine konkrete Antwort. Das sagen wir intern genauso offen wie extern.
Was leistet euer neues Produkt und seit wann ist es auf den Markt?
Taxdoo Accounting bucht tagesaktuell mit Echtzeit-Dashboard für den Händler. Unternehmen im E-Commerce, die in einem sehr agilen Umfeld unterwegs sind, bekommen so zeitnah Daten für ihre Entscheidungen. Durch die Symbiose von KI-Technologie und echten Experten, die sich komplexe Fälle nochmals persönlich anschauen, erbringen wir einen sogenannten Service as a Software. Das Produkt ist bereits mit über 1.000 Kunden live. Die Vermarktung läuft aber erst seit wenigen Wochen.
Was ist die größte Herausforderung bei einer solchen Produktumstellung?
Der Mut zur Transformation, bevor man dazu gezwungen wird. Wir nehmen bewusst temporären Umsatzverlust in Kauf, wenn wir das Umsatzsteuerprodukt einstellen, und betreten einen Markt mit finanzstarken Wettbewerbern. Das ist keine Kleinigkeit.
Was macht eure Lösung besonders?
Nischentiefe und die dazugehörigen Daten. Wir greifen zurück auf über 14,5 Milliarden Euro GMV (Bruttowarenvolumen) im E-Commerce, die wir jährlich mit TAXDOO abgewickelt haben. Hinzukommt, dass Buchhalter und Steuerberater bei uns in die Produktentwicklung einbezogen werden. Daten und echte menschliche Erfahrungen zusammen sind ein tiefer Burggraben.