TimeTeller ist eines der profiliertesten Startups Hamburgs, ausgezeichnet unter anderem mit dem German Startup Award und dem Hamburger Gründerpreis. Mit seinem medizintechnischen Produkt hat es allerdings auch spezielle Herausforderungen in Bezug auf Kommerzialisierung und Finanzierung zu meistern. Bei einem Fireside Chat des Deep Tech Clubs berichtete die Gründerin Angela Relógio, wie sie das geschafft hat.
Die innere Uhr als Forschungsthema
Jeder Mensch hat eine individuelle innere Uhr, in der Fachsprache zirkadianer Rhythmus genannt, die bestimmte Abläufe im Körper beeinflusst. So beispielsweise auch, zu welchem Tageszeitpunkt eine medikamentöse Krebstherapie besonders gut oder schlecht wirkt. Angela Relógio hat zu diesem Thema an der Berliner Charité viele Jahre geforscht, ohne dabei an eine kommerzielle Verwendung zu denken. Für sie stand der wissenschaftliche Ehrgeiz im Vordergrund, etwas Neues zu entdecken und entwickeln. Herausgekommen ist dabei ein Speicheltest, mit dessen Hilfe sich der zirkadiane Rhythmus leicht bestimmen lässt. So war ein Produkt entstanden, das sich eventuell erfolgreich vermarkten ließe, was zu einem Umdenken führte.
Erfolgsfaktoren Patentschutz und Vermarktbarkeit
Eine entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist, wem eigentlich die Rechte an einem Forschungsergebnis gehören – den Forschenden oder der Hochschule, an der es erzielt wurde? In der Regel der Hochschule. TimeTeller bildet da eine Ausnahme, das Startup hat eine Regelung mit der Charité gefunden, damit die Nutzungsrechte ausschließlich bei ihm liegen. Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Patentierung. Hier besteht ein Konflikt mit dem Bedürfnis von Forschenden, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Sobald das in welcher Form auch immer geschehen ist, ist eine Patentanmeldung nicht mehr möglich. Angela Relógio stellte deshalb eine Veröffentlichung hintenan und beschränkte sich bei der Patentanmeldung aus Kostengründen auf Europa, nachdem sie anfangs mit dem asiatischen Markt geliebäugelt hatte.
Der nächste zu klärende Punkt war die Art der Kommerzialisierung. Anfangs dachte sie daran, den Speicheltest ausschließlich für die Bestimmung des idealen Zeitpunkts für eine Krebsbehandlung zu nutzen. Mit der Krankenkasse TK fand sich glücklicherweise auch früh ein Partner, der unter bestimmten Bedingungen die Kosten übernahm. Darüber hinaus ergaben sich aber noch weitere Geschäftsfelder. Pharmaunternehmen können bei der Entwicklung ihrer Medikamente wichtige Erkenntnisse über die Dosierung bestimmter Inhaltsstoffe bezüglich ihrer Wirksamkeit oder Schädlichkeit im Zusammenhang mit der inneren Uhr erhalten. Momentan ist auch ein Testkit für Endverbraucher:innen erhältlich, mit dem sich beispielsweise der beste Zeitpunkt für sportliche Aktivitäten ermitteln lässt.
Der Rat an MedTech-Startups lautet also, sich bei den Einsatzmöglichkeiten ihrer Erfindungen möglichst breit aufzustellen, zumal für unterschiedliche Anwendungen auch unterschiedliche Regularien und Genehmigungsverfahren gelten, was ein entscheidender Zeitfaktor sein kann. Auch für Investor:innen ist eine solche Diversifikation attraktiv, ebenso der Nachweis von Patenten. TimeTeller ist also in mehrfacher Hinsicht gut aufgestellt, gleichwohl das Startup auf eine größere Finanzierungsrunde bisher verzichten konnte. Für die Zukunft sieht Angela Relógio diese aber im Bereich des Möglichen, wenn sich dafür Partner finden, die mehr als nur finanzielle Vorteile bringen.